Das Schneewittchen-Problem
Wie ein Disney-Film zum Zankapfel im Kulturkampf wurde
Disneys “Snow White” ist ein Mega-Flop. Das liegt nicht daran, dass der Film zu “woke” wäre – vielleicht aber daran, dass er auf Teufel komm raus woke sein wollte. Was ist passiert?
Wen hassen wir heute?
Um zu verstehen, welche Mechanismen Disneys neuestes Live-Action-Remake zu Fall brachten, müssen wir erstmal einen Blick zurück werfen: In den letzten Jahren konnten wir nämlich die Geburt des Empörungs-Genres verfolgen. Im Netz finden sich zahllose Influencer, deren Content fast ausschließlich darin besteht, sich über den Content anderer aufzuregen. Viele von ihnen sind damit groß geworden. Der Streamer Staiy geht vor über 600.000 Followern regelmäßig “gottlos auf Mutter”; seine Kollegin Shurjoka versucht gefühlt jede Woche einen neuen Creator zu “exposen” und ist ihrerseits Dauerthema auf diversen Kanälen. Auch die Filmindustrie ist von dieser Entwicklung nicht verschont geblieben. Während Internet-Größen Shitstorms fürchten, zittert Hollywood vor dem sogenannten Review Bombing. Gemeint ist massenhafte Schmähkritik von enttäuschten Fans (oder von solchen, die sicher sind enttäuscht zu werden.)
2016 geriet die weiblich besetzte Neuauflage der “Ghostbusters” ins Kreuzfeuer der Kritik. innerhalb kürzester Zeit erhielt der Trailer über 800.000 Dislikes auf YouTube. In hitzigen Blog-Artikeln und Vlogs erläuterten Fans, warum der Reboot zum Scheitern verurteilt sei. Wortführer aus dem Fandom kündigten an den Film zu boykottieren. Regisseur Paul Feig bezeichnete die Kritik als “[…] die ekelhafteste, frauenfeindlichste Scheiße, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe”. An den Kinokassen blieb “Ghostbusters” deutlich hinter den Erwartungen zurück. Der nächste „Ghostbusters“-Film, der 2020 in die Kinos kam, knüpfte direkt an die früheren Teile an; Feigs Reboot wurde ignoriert.
2018 forderte “Captain Marvel”-Hauptdarstellerin Brie Larson mehr Diversität unter Filmkritikern. Ihre Aussage, sie könne auf die Meinung von “40-jährigen weißen Typen” zu Kinderfilmen gut verzichten, wurde im Nachhinein vielfach zitiert und als Angriff auf männliche Kritiker interpretiert. Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten: Noch vor der Premiere wurde “Captain Marvel” auf Rotten Tomatoes unter einer Lawine negativer Bewertungen begraben. Die Plattform änderte daraufhin ihr Bewertungssystem, um derartiges künftig zu verhindern – mit mäßigem Erfolg.
Auch für die “Star Wars”-Serie “The Acolyte” hagelte es schon vor dem Starttermin auf Disney+ Kritik. Viele der frühen Rezensionen konzentrierten sich auf die Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung der Figuren. Eine zweite Staffel erhielt “The Acolyte” nicht, da die Produktion laut Disney-Vorstand Alan Bergman zu teuer geworden sei. Ob das der einzige Grund für die Absetzung ist, bleibt fraglich. Für Hauptdarstellerin Amandla Stenberg kam das Aus jedenfalls nicht überraschend. Auf Instagram berichtete sie von massiven Anfeindungen: “[…] hyper-konservative Bigotterie, Feindseligkeit, Vorurteile, Hass”.
Fälle wie diese verdeutlichen, wie einflussreich Fans geworden sind und mit welcher Selbstverständlichkeit ihre Meinungen immer mehr Raum einnehmen. Dabei ist öffentliche Empörung das Mittel der Wahl geworden. Offenbar genügt es nicht mehr, einen Film oder eine Serie einfach nicht anzusehen. Was nicht gefällt, wird problematisiert, verächtlich gemacht und boykottiert. Oft geht es dabei nicht nur um die tatsächliche Qualität eines Stoffes, sondern um Besetzungsentscheidungen oder die vermeintliche politische Botschaft der Produktion.
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die Deutungshoheit im Land?
So wie in der Politik beobachten wir auch in der Unterhaltungsindustrie eine zunehmende Verengung des Meinungskorridors: Immer weniger Ansichten werden von einer großen Mehrheit grundsätzlich akzeptiert und können ohne Angst vor sozialen Konsequenzen geäußert werden.
Bis vor einigen Jahren war es für den Durchschnittskonsumenten nahezu unmöglich, sich Gehör zu verschaffen. Heute geben Plattformen wie YouTube, Instagram und TikTok jedem eine Stimme. Und im Internet bleibt niemand lange allein. Hier findet jeder seinen Platz und seine Community. Diese Möglichkeit zählt grundsätzlich zu den größten Errungenschaften des digitalen Zeitalters – sie führt aber auch dazu, dass ein Austausch mehr und mehr in der eigenen Bubble stattfindet, wo die eigene Meinung bestätigt und verstärkt wird. Oft finden hier die lautesten Stimmen am meisten Gehör. So ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Unterhaltungsindustrie zunehmend extreme Positionen dominieren.
Zur Bewertung dieser gegensätzlichen Positionen wird oft eine einfache Rechnung aufgemacht: Eher traditionelle, konservative Meinungen werden dem rechten Spektrum zugeordnet und entsprechend negativ konnotiert. Progressive Ideen werden als links gelesen; sie gelten als “woke” und damit als grundsätzlich erstrebenswert. In beiden Fällen findet eine unzulässige Vereinfachung statt, aber für Nuancen ist im öffentlichen Diskurs schon längst kein Platz mehr. Der Kulturkampf ist in vollem Gange, und es zählt nur noch eins: Der Sieg.
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen (?)
Für “Snow White" begannen die Probleme schon mit der Besetzung der Hauptrolle. Als Schneewittchen erwählte Disney Shooting Star Rachel Zegler, was manche freute, aber auch direkt die ersten Kritiker auf den Plan rief. Konservative Stimmen bemängelten, dass Zegler, die kolumbianische Wurzeln hat, nicht dem klassischen Bild der Figur entspreche. Sie warfen Disney vor, die Besetzung nur aus Gründen der Diversität vorgenommen zu haben.
Während der Dreharbeiten zog Zegler weitere Kritik auf sich. In einem Interview bezeichnete sie den heißgeliebten “Schneewittchen”-Zeichentrickfilm von 1937 als veraltet und seltsam; den Prinzen nannte sie einen Stalker. Ihr Schneewittchen würde nicht darauf warten, von einem Mann gerettet zu werden, versicherte sie. Beim Publikum konnte Zegler damit nicht punkten; viele empfanden ihre Aussagen als arrogant und herablassend.
Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten 2024 bekundete Zegler öffentlich ihren Unmut über den Wahlausgang. In einem emotionalen Instagram-Beitrag wünschte sie, Trump und seine Wähler mögen “[…] niemals Frieden finden”. Dass sie damit die Hälfte des amerikanischen Publikums schmähte, dürfte Disney nicht erfreut haben. Berichten zufolge stellte der Konzern Zegler zuletzt sogar einen Social-Media-Berater zur Seite, um weitere PR-Ausrutscher zu verhindern — aber auch der beste Berater kann nun mal nicht die Zeit zurückdrehen.
Auch bei der Besetzung der sieben Zwerge stieß Disney auf unerwartete Hindernisse. Nach Kritik durch den kleinwüchsigen Schauspieler Peter Dinklage (“Game Of Thrones”) entschied man sich, die Zwerge durch computeranimierte “magische Wesen” zu ersetzen. Die Reaktionen aus der kleinwüchsigen Community waren gemischt. Während einige Dinklages Standpunkt unterstützten, äußerten andere sich frustriert. Dylan Postl (besser bekannt als „Hornswoggle“ aus der WWE) sagte im Gespräch mit TMZ, Disneys Entscheidung würde keine positive Veränderung herbeiführen, sondern vielmehr kleinwüchsigen Schauspielern wichtige Arbeitsmöglichkeiten nehmen. “Sieben talentierte Kleinwüchsige hätten diese Rollen spielen können”, sagte auch die kleinwüchsige Schauspielerin Ali Chapman gegenüber der Daily Mail. “Stattdessen Cartoons zu nutzen, ist beleidigend und diskriminierend.” Aktuell prüfen Chapman und einige Kollegen eine Diskriminierungsklage gegen den Disney-Konzern.
Viel Lärm um nichts
Nach schier endlosen Kontroversen und Nachdrehs hat “Snow White” es jetzt endlich in die Kinos geschafft und dort eine spektakuläre Bruchlandung hingelegt. Die Kritiken sind vernichtend, und auch im Netz wird genussvoll auf den Flop eingeprügelt. Der YouTuber The Critical Drinker titelte: “‘Snow White’ ist sogar noch schlimmer als erwartet”. Über 4 Millionen Zuschauer wollten bereits wissen, warum. The Movie Cynic nannte den Film “[…] ein Verbrechen gegen das Kino” und erntete binnen einer Woche über 700.000 Aufrufe. Das Empörungs-Genre wächst und gedeiht, und manch ein Creator verdient sich ganz nebenbei eine goldene Nase daran.
Dabei ist “Snow White” gar kein so schlechter Film. Er erfindet sicherlich das Rad nicht neu, aber als Märchenfilm für Kinder funktioniert er. Und die angekündigten Änderungen an der Geschichte? Die spielen im fertigen Film fast keine Rolle. Der Prinz ist jetzt ein edelmütiger Bandit und lernt Schneewittchen zumindest kennen, ehe er ewige Liebe schwört. Am Ende erweckt er sie trotzdem mit einem Kuss aus ihrem Todesschlaf. Ja, okay, warum nicht? Unterm Strich ist “Snow White” nicht besser oder schlechter als “Cinderella”, “Arielle die Meerjungfrau” oder jedes andere mittelmäßige Disney-Remake.
Ein dickes Problem hat “Snow White” dennoch. Und das besteht nicht darin, dass der Film zu “woke” wäre, sondern vielmehr darin, dass er unbedingt woke sein wollte. In vorauseilendem Gehorsam wollte Disney hier wirklich alles richtig machen. “Snow White” sollte divers, emanzipiert und fortschrittlich genug für ein modernes Publikum sein, aber nah genug am Original, um auch langjährige Fans mitzunehmen. Dass diese Quadratur des Kreises scheitern musste, hätte man ahnen können. Bemerkenswert ist das Ausmaß des Scheiterns.
“Snow White” wird als einer der größten Hollywood-Flops der jüngeren Vergangenheit in die Geschichte eingehen. Doch mit seinen Schwierigkeiten ist der Film nicht allein; er steht exemplarisch für ein grundsätzliches Problem der modernen Unterhaltungsindustrie: Hollywood hat seinen Mut verloren. Statt aus Überzeugung Geschichten zu erzählen, versucht man vom ersten Tag an, die Reaktion auf das Endprodukt vorherzusagen. Es zählt nur, was das Publikum (mutmaßlich) fordert; die künstlerische Vision steht hinten an. Dabei werden scheinbar progressive Ideen grundsätzlich bevorzugt – schließlich möchte niemand Applaus von der “falschen” Seite bekommen. Kreative Entscheidungen werden getroffen (oder nicht getroffen), um Shitstorms zu verhindern. All diese Entwicklungen sind aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar; trotzdem bleiben sie Gift für die Kreativität. Wer es allen recht machen will, der erreicht am Ende halt niemanden wirklich.
Es bleibt abzuwarten, ob Disney diese Lektion nun gelernt hat. Ein geplantes Live-Action-Remake von “Rapunzel – neu verföhnt” wurde jedenfalls bereits auf Eis gelegt.


Wusste nicht, dass die Zwerge gar keine Schauspieler sind. Wirklich schade. Wieder was dazu gelernt.
Für mich eine Unlogik des Films (und wahrscheinlich auch des alten Films): Für wen schaufeln und hacken die Zwerge die Edelsteine aus dem Berg? Wenn sie doch vom Dorf und Schloss als eher unbekannte Wesen gesehen werden, wird es wohl keine Handelsverbindungen geben. Nur zum Spaß Edelsteine frei klopfen und dann im Haus alles aus schönem geschnitzten Holz haben?